Den Aufstand proben: Vorbereitung auf den Einsatz

geschrieben von europolice | 5 Dez, 2007

Altmark, 23.06.2007. Laute Sprechchöre, drohende Fäuste hinter dem Stacheldraht: einige Demonstranten brechen durch die Absperrung und drohen das gesicherte Gebiet zu stürmen. Die Soldaten des ORF-Bataillons müssen schnell handeln, um serbische Mönche vor dem Mob zu schützen. Die Situation eskaliert - im Gefechtsübungszentrum des Heeres (GÜZ) in Sachsen-Anhalt. Alle regulären Kräfte sind bei Magdeburg konzentriert, um schwere Ausschreitungen einzudämmen. Die Reserve, das ORF-Bataillon (Operational Reserve Force), ist alarmiert worden und hat Stellung bezogen. Ihre Aufgabe: das „serbische Kloster“ auf dem Krähenberg nahe „Stullenstadt“ vor gewaltbereiten UCK-Anhängern zu schützen.

Aufruhr vor Stullenstadt

Die Nerven der Soldaten liegen blank. Vor ihnen formieren sich die Demonstranten. Immer wieder dieselben Rufe: „UCK, UCK!“. Der Anführer fordert die Soldaten auf, die Serben nicht länger zu schützen. Er droht mit Gewaltanwendung. Die Einsatzkräfte warten ab. Demonstranten, die den Stacheldraht durchbrochen haben, werden abgefangen, die Lücken in der Absperrung wieder geschlossen. Der Kompaniechef versucht die Lage im Gespräch mit den Rädelsführern zu entspannen; es erschallen Lautsprecherdurchsagen: „KFOR ist hier um Euch zu helfen.“ Doch jeden Augenblick können Steine fliegen, vielleicht Schüsse fallen.

Der schlimmstmögliche Fall

Was passieren wird, wissen die Soldaten des ORF-Bataillons nicht, das hier auf einen Einsatz auf dem Balkan vorbereitet wird. Die Truppe des Gefechtsübungszentrums des Heeres (GÜZ), so genannte „Soldaten in darstellender Funktion“, schulen in der Rolle als Demonstranten das richtige Handeln in der Lage. Dabei geht es auch darum, Situationen entsprechend zu bewerten: Haben die UCK-Anhänger Waffen? Besteht Gefahr für die Bewohner des Klosters oder die eigenen Leute? Was tun, wenn es zu Übergriffen kommt?

Die Soldaten müssen mit allem rechnen, was im Einsatzland, auch nur passieren könnte. „Wir bilden den schlimmstmöglichen Fall aus“, erklärt der Leitungsstabsoffizier des GÜZ, Oberstleutnant Harald Reinhardt. Das Drehbuch kennen dabei nur er und sein Ausbildungsteam. Trotz der Verlegung des Einsatzszenarios an fiktive Orte wie „Stullenstadt“ nehmen die Soldaten das Geschehen auf dem Gefechtsübungsplatz in der Altmark hundertprozentig ernst.

Generalprobe für Reserve

Das GÜZ ist der letzte Ausbildungsblock, den eine Einheit vor dem Einsatz durchläuft, die Generalprobe sozusagen. Das ORF-Bataillon, das hier das Verhalten gegenüber unfriedlichen Menschenmengen übt, die so genannte Crowd and Riot Control (CRC), stellt vom 1. Juli 2007 bis zum 1. Januar 2008 einen Teil der Reserve für KFOR und EUFOR. Das Bataillon ist 620 Mann stark und besteht im Wesentlichen aus Soldaten des Gebirgsjägerbataillons 232 Bischofswiesen, unterstützt von Pionieren aus Brannenburg, Versorgungskräften aus Augustdorf, einer Sanitätsstaffel aus Bad Reichenhall und Feldjägern aus Bremen.

Was tun, wenn's brennt?

Der Anführer der Demonstranten lässt sich nicht beruhigen. Er wisse, dass einige serbische Rücksiedler in das Gebiet bei Stullenstadt kommen sollen. Dies dürfe nicht geschehen. „Serbenfreunde!“, schallt es aus der Menge. „Wenn ihr uns nicht durchlasst, wird es Euch Leid tun.“ Die aggressive Gruppe wendet sich vom Kloster ab. Sie bewegen sich in Richtung Stullenstadt. Ihr Ziel: Das Gebäude der UNHCR (United Nations High Commissioner for Refugees), des Flüchtlingskommissariats der Vereinten Nationen.
Wenige Augenblicke später heult eine Sirene auf, Rauch schlägt aus den Fenstern. Kurz darauf geht ein PKW in Flammen auf. Der Mob stürmt das Gebäude und nimmt vier UNHCR-Mitarbeiter als Geiseln, ein verletzter Zivilist wird herausgebracht.

Die Einsatzkräfte müssen reagieren, sie sperren die Straße. Eine Postenkette drängt die Demonstranten zurück. Dabei steht eine Gruppe von fünf Soldaten isoliert und wird von UCK-Anhängern umzingelt. Sie haben Reizgas und ein Pistolenmagazin erbeutet. Es fallen Schüsse. Einer der Soldaten wird von den Demonstranten weggeschleppt. „Die Ausbildungstruppe ist darauf trainiert, sofort jede Schwachstelle auszunutzen“, erläutert Oberfähnrich Rüdiger Scheip. Er ist der stellvertretende Presseoffizier des Gebirgsjägerbataillons 232. „Diese Soldaten hätten nicht freistehen dürfen.“

Klassenziel erreicht

Wenig später haben die Einsatzkräfte die Situation wieder unter Kontrolle gebracht. Die Geiseln inklusive des eigenen Mannes können befreit, der Aufruhr zerschlagen werden. „Das ist schon eine sehr komplexe Ausbildung, die hier läuft. Im Kern hat der Verband seinen Auftrag erfüllt. Natürlich ist - wie immer - nicht alles perfekt gelaufen. Aber das System im Gefechtsübungszentrum lässt eine sehr detaillierte Auswertung zu, so dass wir im Nachgang die einzelnen Fehler erkennen und analysieren und entsprechende Folgerungen ziehen werden. Dann wird der ein oder andere Teil wiederholt“, fasst der Kommandeur der Gebirgsjägerbrigade 23, Brigadegeneral Erich Pfeffer den Erfolg des Übungsabschnittes zusammen.

Hauptfeldwebel Lutz Warmboldt, Zugführer beim Gebirgsjägerbataillon 232, war bereits im Einsatz und macht die Ausbildung zum zweiten Mal mit. „Das Zusammenspiel des Zuges, der Kompanie und des Bataillons werden hier sehr gut geübt.“ Auch der Realitätsgrad sei sehr hoch: „Das Rollenspiel ist perfekt.“ Das einzige, auf das man sich seiner Meinung nach nicht vorbereiten kann, ist die Gesamtsituation im Einsatz: die räumliche Beschränkung, die Entfernung zu den Freunden und Angehörigen. „Der Stress lässt sich nicht üben. Das ist wie ein freiwilliger offener Vollzug.“

Hightech für Handlungssicherheit

Indes in der „Schaltzentrale“ des Gefechtsübungszentrums: Überall flackern Monitore. An ihren Computern und auf einer Videoleinwand verfolgen die Mitarbeiter des Leitungs- und Auswertungsdienstes das Geschehen. Im Gegensatz zur adrenalingeladenen Stimmung auf dem Übungsplatz, ist der Raum von ruhiger Konzentration erfüllt. Jede Entscheidung, jede Handlung der Soldaten in den jeweiligen Übungssituationen, wird hier verfolgt und in Bild und Ton aufgezeichnet, das Material in Form eines Soll-Ist-Abgleichs analysiert. Situationen, in denen schwere Fehler gemacht wurden, werden wiederholt. Das erzeugt Handlungssicherheit, die im Einsatzland unverzichtbar ist.

Die eskalierte Demonstration war nur eine der Aufgaben, die die Soldaten des ORF-Bataillons in dem neuntägigen Übungszeitraum erfüllen mussten. Oberstleutnant Reinhardt erklärt, dass selbst erfahrene Einheiten weiterüben. „Fehler werden immer gemacht.“ Trainiert wird eben das, was die Soldaten noch nicht beherrschen. Deshalb ist die Übung Teil der Vorbereitung jeder Einheit, die in den Einsatz geht. Gerade die Kontinuität ist der zentrale Ansatz. Ziel sei es, „permanent die Fähigkeit der Truppe in der Koordination, im Zusammenspiel zwischen den einzelnen Elementen in der Truppe zu verbessern“, bestätigt Brigadegeneral Pfeffer.

Quelle: www.bundeswehr.de


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