Mathematisches Frühwarnsystem

geschrieben von europolice | 24 Feb, 2008

Weil die Antiterrorlisten problematisch seien, bietet die Firma "World Check" ihre Dienste bei der Suche nach riskanten Personen und Unternehmen an

[telepolis] "Die Amateure, die sich auf islamistischen Webseiten tummeln, stellen keine Gefahr dar", sagt Dr. Christian Kronseder von World Check (1) auf dem 11. Europäischen Polizeikongress in Berlin. Das seien Bauernopfer, die im Zweifel auf V-Leute hereinfallen. Die wirkliche Bedrohung gehe von anderen Gruppen und Strukturen aus. Die würde er gern quasi als privates Frühwarnsystem erkennen und analysieren. Die Fähigkeiten dazu hätten er und sein Team aus Länder- und Terrorspezialisten.

100 Analysten, die alle zweisprachig sind, werten regionale Zeitungen Südafrikas, Südostasiens, Osteuropas und Südamerikas aus und erstellen Länder- und Personenprofile. Zu den Kunden der Compliance-Firma mit Sitz in London zählten Telekommunikationsunternehmen, aber auch Automobilkonzerne. Hauptsächlich riefen allerdings bislang viele Banken nur ihren Service ab, sogenannte Risikopersonen zu melden.

Die sogenannte 3. Anti-Geldwäsche-Richtlinie (2) der Europäischen Union verlangt seit Ende 2007 von Banken, Versicherungen und Emissionshäusern, ihre Kunden abzugleichen mit Sanktionslisten, auf denen Personen und Unternehmen aufgeführt werden, die verdächtigt werden, Terrorismus oder Drogenhandel zu unterstützen. Die Europäische Union, die Bank von England, die Vereinten Nationen und das Office of Foreign Assets Control (OFAC) geben solche Listen heraus. "Diese Listen sind höchst problematisch", warnt Kronseder. Es sei sehr schwer, von ihnen wieder hinunterzukommen. Zudem sei die Qualität oftmals schlecht. Es gebe eine Vielzahl irrelevanter Treffer, von denen viele offenkundig politisch motiviert seien:

Es ist schon frappant, wenn plötzlich Iraker von den Listen verschwinden, und dafür besonders häufig Iraner genannt werden.

Dennoch schreibt der Gesetzgeber vor, solche Listen als Maßstab für Transaktionen zu nehmen. Viele Beauftragte von Banken würden sich damit begnügen und erfüllten so die Auflagen zur sogenannten Bekämpfung von Geldwäsche. Dabei weiß jeder Fachmann, dass ein solches Vorgehen ein bloßes Alibi ist, wirkliche Geldwäsche wird so nicht entdeckt. Dennoch bietet "World Check" diesen Service an. Ebenso wie das Monitoring sogenannter PEPS. Das steht für politisch exponierte Personen. Und als solche gelten nach Auffassung der EU-Politiker, Minister, Parlamentarier, Landtagsabgeordnete, Bürgermeister größerer Städte, Personen aus der Wirtschaft, die auch politischen Einfluss haben, aber auch Mitglieder des Olympischen Komitees oder Rechtsanwälte. Gemäß der EU-Direktive müssen diese künftig besonders beobachtet werden. Offizielle Begründung: Sie könnten korrumpiert werden oder unsaubere Geschäfte tätigen.

Bislang wertet "World Check" öffentlich zugängliche Quellen danach aus, welche Personen bereits verurteilt oder ansonsten auffällig wurden. Allerdings wandelt sich das System mit der EU-Anforderung zunehmend von der Faktenberichterstattung zur Verdachtsmeldung. Zwar habe er noch keine Klage erhalten und nur eine Gegendarstellung. Aber Dr. Kronseder kündigte vorsichtshalber an, für seine Geschäftskunden quasi eine Gebrauchsanweisung zu entwickeln. Nicht jeder könne schließlich mit Indizien und Verdacht richtig umgehen; und wenn einem Kunden ein Kredit verweigert werde, dann muss die Bank dies begründen. Die Gefahr von Klagen wegen Ruf- und Geschäftsschädigung sei ein Faktor, sozusagen vor dem eigenen Produkt zu warnen.

Dabei ist die Firma 2000 anders gestartet. Vier Schweizer Privatbanken wollten damals sicher gehen, dass sie nicht Geschäfte mit Diktatoren oder Drogenbaronen abschließen. Sie suchten nach einer Methode, solche Partner früh zu erkennen und auszuschließen, um nur korrekte Geschäfte zu tätigen; quasi das Pendant zu "grünen", also umweltverträglichen Aktien zu schaffen.

David Leppan, damals 28 und Sohn einer südafrikanischen Politikerfamilie, studierte Internationales Recht und Politik und suchte ein Hobby. Er erfand für die Privatbankiers eine Datenbank. Aus der Garagenfirma wurde ein Unternehmen mit einem Umsatz von vielen Millionen. Im vergangenen Jahr stiegen private Equity-Firmen ein. Mathematiker entwickeln spezielle Algorithmen, um solch schwer zu fassende Kategorien wie Image-Risiken durch Kunden für Banken quantifizierbar zu machen. Das Suchprogramm Autonomy filtert aus unstrukturierten Daten Verbindungen von Personen heraus, die eine Risikoanalyse ermöglichen sollen. Für jeden Fakt sind zwei unabhängige Quellen nötig. Fakten, die besonders selten vorkommen, werden kombiniert mit solchen Treffern, die extrem häufig seien. So entstünde ein Mittelwert, der für eine hohe Verlässlichkeit garantiere.

Dies gilt offenbar auch für die Kunden von "World check". Manche abonnieren nur die Daten aufgrund der fragwürdigen, aber vorgeschriebenen Sanktionslisten. Die anderen schätzen qualitative Analysen und inhaltlichen Frühwarnungen.

Links

(1) http://www.world-check.com/
(2) http://eur-lex.europa.eu/LexUriServ/site/de/oj/2005/l_309/l_30920051125de00150036.pdf

Source: http://www.heise.de/tp/r4/artikel/27/27178/1.html


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