Dem Zensor ein Schnippchen schlagen

12 Aug, 2008

Wie die chinesische Internetpolizei ausgetrickst wird 

[dradio.de] Informationstechnologie. - Mit Prunk und Bombast sind die Olympischen Spiele in Peking gestartet. Der Ärger über Zensur, der die Berichte im Vorfeld beherrschte, ist dadurch überdeckt worden, geht allerdings unterschwellig weiter. Peter Welchering berichtet im Gespräch mit Manfred Kloiber über die Methoden, mit denen die chinesische Zensur ausgehebelt werden kann.

Kloiber: Wie haben die Internet-Aktivisten es geschafft, die staatliche chinesische Internet-Zensur zu überlisten, Peter Welchering?

Welchering: Mit dabei waren vier Aktionspakete, die umgesetzt wurden und an denen es viel Arbeit gab, vier, fünf Monate hat mir ein Internet-Aktivist gesagt, hätten sie daran gearbeitet, damit im Olympischen Dorf hin und wieder, nicht die ganze Zeit, freier Internetzugang ist. Viele Zensurgegner im Westen sind und waren daran beteiligt. Allerdings muss man auch sehen, dass die Arbeit der Zensurgegner gegen die Internet-Überwacher in China immer ein Wettlauf ist. Die Siege über die Internet-Zensur sind immer nur vorläufige. Aber diese vorläufigen Siege werden zur Zeit durchaus ein wenig gefeiert. Und zur Eröffnungsveranstaltung gestern ist teilweise einfach die IP-Blockade im staatlichen chinesischen Eingangsnetz für mehrere Stunden ausgeschaltet worden. Die läuft übrigens seit heute früh 9:00 Uhr mitteleuropäischer Zeit wieder. Gegenwärtig haben Oppositionsgruppen es allerdings geschafft, das Filtern und anschließende Blockieren von Schlüsselwörtern durch einen Backbone-Router einzuschränken. Und die dritte Methode, die immer wieder zur Anwendung kommt, die hat damit zutun, dass die Internet-Zensur in China den Aufbau virtueller privater Netzwerke zu Zeiten Olympias unterbinden wollte. Hier haben Oppositionsgruppen die Portkontrolle überlistet. Aktionspaket Nummer 4 besteht in der Nutzung der Computergrids, die an den Universitäten Chinas aufgebaut sind. Dort werden brisante IP-Pakete über diese Grids nach Europa und in die USA geschickt.

Kloiber: Bleiben wir mal bei der gestrigen Deblockade des staatlichen Eingangsnetzes. Was ist denn da passiert?

Welchering: Die chinesische Regierung führt ja eine Art schwarze Liste von unerwünschten Websites und der Zugriff auf die IP-Adressen dieser Web-Server ist von China aus schlicht und einfach blockiert. Zensurgegner in Europa und in den USA haben nun zur Eröffnung der Sommerspiele insgesamt etwas mehr als 200 Proxy-Rechner aufgebaut. Ein Proxy-Rechner, das ist so eine Art Zwischenspeicher. Da die IP-Adresse dieser Proxies nicht auf der schwarzen Liste der chinesischen Regierung steht, wird eine IP-Verbindung zu diesen Proxies zugelassen und kann aufgebaut werden. Und da hat man dann Zugriff auf Web-Seiten, die ansonsten gesperrt sind. So waren gestern die Web-Seiten aller großen Tageszeitungen in Europa und den USA über eigens eingerichtete Proxy-Server von China aus anwählbar. Nach und nach haben in der vergangenen Nacht die chinesischen Internet-Polizisten die IP-Adressen dieser Proxy-Server ermittelt und dann ebenfalls auf die Liste der Blockade-IPs gesetzt. Aber, wie mir heute mittag ein chinesischer Kollege sagte: Für eine Nacht war das Web in China ziemlich weit offen, und die Web-Zensoren hatten eine geschäftige Nacht.

Welchering: Die chinesischen Internetzensoren durchsuchen ja auch IP-Pakete nach bestimmten verdächtigen Stichworten und blockieren, wenn sie fündig werden, dann die Verbindung. Was haben die Zensurgegner hier unternommen?

Welchering: Hier haben sich die Zensurgegner das Adress-Auflösunsgprotokoll des Internet zu nutze gemacht und falsche physikalische Adressen nach einem Adressrundruf gesendet. Das heißt, die Überwachungsrechner sind mit falschen IP-Adressen versorgt worden, von denen angeblich die IP-Pakete mit den verdächtigen Stichwörtern stammten. Daraufhin haben die Überwachungsrechner die Verbindung zu diesen Rechnern abgebrochen, aber von denen kamen die IP-Pakete ja gar nicht. Und die anderen Zielrechner, oder besser Absenderechner konnten noch eine Zeit lang weiter senden.

Kloiber: Sie haben eben erklärt, dass die Grids der Universitäten genutzt wurden. Wie haben die Aktivisten das geschafft?

Welchering: Mit denen werden hauptsächlich Informationen aus China herausgeschmuggelt. Da geht es nicht darum, dass Internet nach China hereinkommt. Diese universitären Grids sind ja häufig als Video-Grids angelegt, über die ingenieurwissenschaftliche und naturwissenschaftliche Vorlesungen und Kurse angeboten werden. Videodateien sind sehr viel aufwändiger zu filtern als Textdateien. Deshalb werden die Informationen, die aus China herausgebracht werden sollen, in konventionellen Videodateien versteckt. Die werden dann aus diesen Videodateien in Europa und den USA wieder herausgefiltert, aber auf diese Weise können sie die Zensur in China blockieren, können über das so genannte Ausgangsnetz herauskommen und können von europäischen Rechnern ganz einfach empfangen werden. Da ist freier Mailverkehr im Moment eingeschränkt aber immerhin möglich. Und auf diese Weise fallen sie nicht auf.

Source: www.dradio.de


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