Dem Zensor ein Schnippchen schlagen

Wie die chinesische Internetpolizei ausgetrickst wird 

[dradio.de] Informationstechnologie.
– Mit Prunk und Bombast sind die Olympischen Spiele in Peking
gestartet. Der Ärger über Zensur, der die Berichte im Vorfeld
beherrschte, ist dadurch überdeckt worden, geht allerdings
unterschwellig weiter. Peter Welchering berichtet im Gespräch mit
Manfred Kloiber über die Methoden, mit denen die chinesische Zensur
ausgehebelt werden kann.

Kloiber: Wie haben die Internet-Aktivisten es geschafft, die staatliche chinesische Internet-Zensur zu überlisten, Peter Welchering?

Welchering:
Mit dabei waren vier Aktionspakete, die umgesetzt wurden und an denen
es viel Arbeit gab, vier, fünf Monate hat mir ein Internet-Aktivist
gesagt, hätten sie daran gearbeitet, damit im Olympischen Dorf hin und
wieder, nicht die ganze Zeit, freier Internetzugang ist. Viele
Zensurgegner im Westen sind und waren daran beteiligt. Allerdings muss
man auch sehen, dass die Arbeit der Zensurgegner gegen die
Internet-Überwacher in China immer ein Wettlauf ist. Die Siege über die
Internet-Zensur sind immer nur vorläufige. Aber diese vorläufigen Siege
werden zur Zeit durchaus ein wenig gefeiert. Und zur
Eröffnungsveranstaltung gestern ist teilweise einfach die IP-Blockade
im staatlichen chinesischen Eingangsnetz für mehrere Stunden
ausgeschaltet worden. Die läuft übrigens seit heute früh 9:00 Uhr
mitteleuropäischer Zeit wieder. Gegenwärtig haben Oppositionsgruppen es
allerdings geschafft, das Filtern und anschließende Blockieren von
Schlüsselwörtern durch einen Backbone-Router einzuschränken. Und die
dritte Methode, die immer wieder zur Anwendung kommt, die hat damit
zutun, dass die Internet-Zensur in China den Aufbau virtueller privater
Netzwerke zu Zeiten Olympias unterbinden wollte. Hier haben
Oppositionsgruppen die Portkontrolle überlistet. Aktionspaket Nummer 4
besteht in der Nutzung der Computergrids, die an den Universitäten
Chinas aufgebaut sind. Dort werden brisante IP-Pakete über diese Grids
nach Europa und in die USA geschickt.

Kloiber: Bleiben wir mal bei der gestrigen Deblockade des staatlichen Eingangsnetzes. Was ist denn da passiert?

Welchering:
Die chinesische Regierung führt ja eine Art schwarze Liste von
unerwünschten Websites und der Zugriff auf die IP-Adressen dieser
Web-Server ist von China aus schlicht und einfach blockiert.
Zensurgegner in Europa und in den USA haben nun zur Eröffnung der
Sommerspiele insgesamt etwas mehr als 200 Proxy-Rechner aufgebaut. Ein
Proxy-Rechner, das ist so eine Art Zwischenspeicher. Da die IP-Adresse
dieser Proxies nicht auf der schwarzen Liste der chinesischen Regierung
steht, wird eine IP-Verbindung zu diesen Proxies zugelassen und kann
aufgebaut werden. Und da hat man dann Zugriff auf Web-Seiten, die
ansonsten gesperrt sind. So waren gestern die Web-Seiten aller großen
Tageszeitungen in Europa und den USA über eigens eingerichtete
Proxy-Server von China aus anwählbar. Nach und nach haben in der
vergangenen Nacht die chinesischen Internet-Polizisten die IP-Adressen
dieser Proxy-Server ermittelt und dann ebenfalls auf die Liste der
Blockade-IPs gesetzt. Aber, wie mir heute mittag ein chinesischer
Kollege sagte: Für eine Nacht war das Web in China ziemlich weit offen,
und die Web-Zensoren hatten eine geschäftige Nacht.

Welchering:
Die chinesischen Internetzensoren durchsuchen ja auch IP-Pakete nach
bestimmten verdächtigen Stichworten und blockieren, wenn sie fündig
werden, dann die Verbindung. Was haben die Zensurgegner hier
unternommen?

Welchering: Hier
haben sich die Zensurgegner das Adress-Auflösunsgprotokoll des Internet
zu nutze gemacht und falsche physikalische Adressen nach einem
Adressrundruf gesendet. Das heißt, die Überwachungsrechner sind mit
falschen IP-Adressen versorgt worden, von denen angeblich die IP-Pakete
mit den verdächtigen Stichwörtern stammten. Daraufhin haben die
Überwachungsrechner die Verbindung zu diesen Rechnern abgebrochen, aber
von denen kamen die IP-Pakete ja gar nicht. Und die anderen
Zielrechner, oder besser Absenderechner konnten noch eine Zeit lang
weiter senden.

Kloiber: Sie haben eben erklärt, dass die Grids der Universitäten genutzt wurden. Wie haben die Aktivisten das geschafft?

Welchering:
Mit denen werden hauptsächlich Informationen aus China
herausgeschmuggelt. Da geht es nicht darum, dass Internet nach China
hereinkommt. Diese universitären Grids sind ja häufig als Video-Grids
angelegt, über die ingenieurwissenschaftliche und
naturwissenschaftliche Vorlesungen und Kurse angeboten werden.
Videodateien sind sehr viel aufwändiger zu filtern als Textdateien.
Deshalb werden die Informationen, die aus China herausgebracht werden
sollen, in konventionellen Videodateien versteckt. Die werden dann aus
diesen Videodateien in Europa und den USA wieder herausgefiltert, aber
auf diese Weise können sie die Zensur in China blockieren, können über
das so genannte Ausgangsnetz herauskommen und können von europäischen
Rechnern ganz einfach empfangen werden. Da ist freier Mailverkehr im
Moment eingeschränkt aber immerhin möglich. Und auf diese Weise fallen
sie nicht auf.

Source: www.dradio.de